
Das Spiel der Vergleichbarkeit, das Erdgasverkäufer nicht verlieren dürfen
Der Kontext: ein neuer Kohlenstoffmarkt „stromabwärts“
Die neue Phase der europäischen Klimapolitik beginnt bei den täglichen Verbrauchern. Nicht mehr nur große Industrieanlagen, sondern Gebäude, Straßenverkehr und zivile Nutzung.
Mit der Überarbeitung der Richtlinie 2003/87/EG vom 13. Oktober 2003, geändert durch die Richtlinie (EU) 2023/959 vom 10. Mai 2023, entsteht das ETS2, das zweite europäische Emissionshandelssystem für Treibhausgase. Ein Mechanismus, der darauf abzielt, die CO₂-Bepreisung auf bisher weniger betroffene Sektoren auszuweiten.
Der Umfang ist präzise definiert und umfasst die kombinierte Erzeugung von Wärme und Energie sowie thermische Anlagen (CRF 1A1a ii und iii), den Straßenverkehr (CRF 1A3b, mit Ausnahme von landwirtschaftlichen Fahrzeugen auf asphaltierten Straßen), den Handels- und Dienstleistungssektor (CRF 1A4a), den Wohnbereich (CRF 1A4b) sowie die Energieindustrie (CRF 1A1, mit spezifischen Ausnahmen) und den verarbeitenden Gewerbe- und Bausektor (CRF 1A2).
Nach einer bedeutenden politischen Verzögerung ist der operative Start für 2028 festgelegt. Die Vorbereitungsphase läuft jedoch bereits seit 2025 und in dieser Phase werden die Gleichgewichte des neuen Systems definiert.
Der Unterschied zum traditionellen ETS ist wesentlich: Der Mechanismus wirkt am Anfang der Lieferkette. Kraftstofflieferanten – einschließlich Erdgas – werden verpflichtet, Emissionszertifikate zu erwerben. Die Kosten werden zwangsläufig entlang der Kette bis zum Endkunden weitergegeben.
Der wirtschaftliche Knackpunkt: „hohe Quoten“ und Kostenweitergabe
Das Funktionsprinzip entspricht dem typischen Cap-and-Trade-System: eine Quote pro Tonne CO₂, eine Gesamtobergrenze für Emissionen, die im Laufe der Zeit schrittweise sinkt, und ein Auktionssystem ohne kostenlose Zuteilungen.
Ab 2029, bezogen auf die Emissionen von 2028, können die Kosten des ETS2 an die Endkunden weitergegeben werden, was sich direkt auf die Erdgasrechnungen auswirkt.
Hier ändert sich die Preisstruktur. Zur Rohstoffkomponente und der Handelsspanne kommt die Kohlenstoffkostenkomponente hinzu, die immer relevanter wird.
Die Herausforderungen sind bereits sichtbar: Die Volatilität des CO₂-Preises macht die Endkosten weniger vorhersehbar, die Preisbildung wird komplexer und weniger transparent, während das Reputationsrisiko für Verkäufer steigt, die zunehmend komplexe Preiserhöhungen rechtfertigen müssen.
Der echte Paradigmenwechsel: die Daten
Wenn der Preis komplizierter wird, liegt das an der veränderten Informationsverwaltung.
Ab 2025 müssen Erdgasverkäufer die mit den in Verkehr gebrachten Kraftstoffen verbundenen Emissionen überwachen, Verbrauchsdaten nach CRF-Kategorien erfassen und jährlich bis zum 30. April verifizierte Emissionsdaten melden.
Die Rechtsgrundlage ist die Durchführungsverordnung (EU) 2023/2122, die die Durchführungsverordnung (EU) 2018/2066 ändert.
Das CRF-System (Common Reporting Format) verlangt, jeden Verbrauch einer genauen Emissionskategorie zuzuordnen. Genau dieser Schritt macht den operativen Rahmen komplex: Der Verkäufer kontrolliert nicht direkt, wie das Gas verwendet wird. Er muss sich daher auf deklarative Informationen stützen oder Instrumente einsetzen, die eine präzise Messung ermöglichen.
Der Übergang von Schätzung zu Messung wird somit zu einem strategischen Thema.
Smart Meter: von operativer Technologie zu Wettbewerbsvorteil
In diesem Szenario ändern fortschrittliche Smart Meter ihre Funktion. Sie sind nicht mehr nur einfache Fernauslesegeräte, sondern Systeme, die den Verbrauch profilieren, Nutzungszwecke unterscheiden – Heizung, Produktionsprozesse, Eigenantrieb – und Daten von IoT-Geräten und Gebäudemanagementsystemen integrieren können.
Der Unterschied ist konkret. Ohne granulare Daten steigt das Risiko falscher Klassifizierungen mit möglichen Sanktionen oder Überschätzungen der Emissionen. Es wird schwierig, eventuelle Ausnahmen wie nicht-energetische Nutzungen nachzuweisen, und die Preisgestaltung verliert an Transparenz und wird auch kommerziell schwer verteidigbar.
Mit verlässlichen Daten hingegen eröffnet sich ein Wettbewerbsvorteil: zertifizierbare Rückverfolgbarkeit, geringeres ETS2-Risiko und die Möglichkeit, Angebote zu erstellen, die mit dem tatsächlichen Verbrauch übereinstimmen.
Das eigentliche Spiel: die Vergleichbarkeit der Angebote
Auf diesem Terrain wird das wichtigste Spiel ausgetragen.
Die Einführung des ETS2 droht, einen Markt mit zwei Geschwindigkeiten zu schaffen. Einerseits Angebote, bei denen die CO₂-Kosten ohne klare Trennung eingepreist sind, was es dem Kunden erschwert, zwischen Gaspreis und Emissionskomponente zu unterscheiden. In diesem Szenario ist das Risiko von Intransparenz und „tariflichem Greenwashing“ real.
Andererseits ein Modell, das auf Transparenz basiert, bei dem die Preisbestandteile explizit ausgewiesen werden. Erdgas und CO₂ folgen unterschiedlichen Logiken und werden durch klare Indikatoren wie €/Smc und kgCO₂/Smc vergleichbar.
Der Unterschied ist nicht nur technisch: Es ist eine Frage von Vertrauen und wettbewerblicher Positionierung.
Das strategische Risiko für Gasverkäufer
Der Rechtsrahmen ist bereits definiert und überträgt den Lieferanten die Verantwortung für Compliance: Überwachung, Datenqualität und korrekte Kommunikation.
Das Unterschätzen des ETS2 bedeutet, sich einer Reihe konkreter Risiken auszusetzen. Margen können durch nicht effektiv gemanagte Kohlenstoffkosten aufgezehrt werden, die Preisgestaltung kann an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, die regulatorische Exponierung steigt und das Kundenvertrauen, das immer sensibler auf Preistransparenz reagiert, wird erschüttert.
Das tiefste Risiko ist jedoch ein anderes: der Verlust der Fähigkeit, sich in einem Markt zu differenzieren, der keine einfache Commodity mehr ist.
Von der Commodity zum Informationsdienst
Mit dem ETS2 tritt Erdgas in eine neue Phase ein. Der Wert bemisst sich nicht mehr nur an der Lieferung, sondern an der Fähigkeit, Daten zu interpretieren und verständlich zu machen.
Transparenz, Informationsqualität und Technologie – angefangen bei Smart Metern – werden zu strukturellen Elementen des Angebots.
Die Herausforderung besteht nicht darin, die „hohen Quoten“ zu vermeiden, sondern sie verständlich, vergleichbar und nachhaltig zu machen.
Denn 2028 wird der Kunde nicht nur den Gaspreis wählen, sondern denjenigen, der ihn klar und transparent erklären kann.